Der Kampf mit Buchstaben und Zahlen

Die Mittelbayerische Zeitung setzt die Erziehungsreihe mit Ludwig Haas fort. Diesmal geht es um Kinder, denen Schreiben, Lesen oder Rechnen große Probleme bereiten.

Die MZ setzt die Erziehungsreihe mit Ludwig Haas fort. Diesmal geht es um Kinder, denen Schreiben, Lesen oder Rechnen große Probleme bereiten.Die MZ setzt die Erziehungsreihe mit Ludwig Haas fort. Diesmal geht es um Kinder, denen Schreiben, Lesen oder Rechnen große Probleme bereiten.

Wenn Kinder große Probleme mit dem Schreiben und Lesen lernen haben, könnte eine Legasthenie dahinterstecken. Foto: dpa

Von Ludwig Haas

Regensburg Rudi hat im Diktat wieder einmal eine „Ungenügend“ geschrieben. Sein Freund Sven hat es in Mathe mit einer „Fünf“ erwischt. Beide sind ganz verzweifelt. Sie üben viel, trotz hohen Lernaufwands und guter Intelligenz gibt es aber immer diese niederschmetternden Ergebnisse. Auch die Eltern sind betrübt über die schulischen Misserfolge ihrer Kinder. Was sie bis dahin nicht wissen. Rudi leidet unter Legasthenie, einer Teilleistungsstörung im Bereich des Lesens und Schreiben. Sven unter Dyskalkulie mit Leistungsdefiziten im Bereich Rechnen. Aber beides sind behandelbare Probleme.

Schimpfen und Pauken hilft nichts

Kinder mit solchen Lernstörungen werden oft für dumm oder faul gehalten, trotz vieler Bemühungen ihrerseits täglich in der Schule schlecht beurteilt. Etwa vier Prozent aller Kinder verstehen die Welt der Buchstaben schlechter als andere. Zwei Drittel davon sind Jungen. Fünf Prozent hadern mit der Zahlenwelt, tendenziell mehr Mädchen. Legasthenie und Diskalkulie treten in allen sozialen Schichten auf, sind also unabhängig von äußeren Einflüssen, sind auf angeborene Faktoren zurückzuführen. Nachhilfe bleibt oft erfolglos. Auch Schimpfen und stures Pauken helfen nichts. Vielmehr gilt es, die Kinder aufzubauen, deren Selbstbewusstsein aufzubauen und den Druck von ihnen zu nehmen.

Das Problem ist, dass Störungen häufig von den Lehrkräften nicht erkannt werden, weil dies in der normalen Lehrerausbildung kaum ein Thema ist, sondern nur beim Sonderpädagogikstudium. Auch wird das Problem oft verdrängt oder nicht gemeldet. Eltern befürchten schulische Nachteile.

Die beiden Leistungsstörungen haben immer individuelle Ausprägungen, aber es gibt gewisse Hinweise. Bei Legasthenie liest das Kind langsam, falsch, stockend, ungern, es überspringt Wörter oder Zeilen, ermüdet schnell, versteht nicht was es liest. Beim Rechtschreiben werden Buchstaben verdreht (b/d) oder gekippt (u/n), gehörte Laute wie „p“ oder „b“, „g“ oder „k“ und gesehene Buchstaben wie „o“ und „c“ , „ie“ und „ei“ oder „m“ und „n“ werden schwer unterschieden. Es fehlen oft Wortteile, Dehnungen oder Verdoppelungen. Außerdem ist die Schrift oft unbeholfen, krakelig und unleserlich. Unter Stress können Kinder noch schlechter lesen oder schreiben. Sie neigen zu großer Schreibe- und Leseunlust.

Bei Diskalkulie schätzen Kinder oft oder raten, sie zählen mit den Fingern ab, weil sie lange Anschauungsmaterial für die Rechenvorgänge benötigen. Sie vertauschen Ziffern (aus 23 wird 32), Ziffern werden seitenverkehrt geschrieben (6 und 9) Einmaleinslernen und der Umgang mit Einern, Zehnern, Hunderten und Tausendern und die Zehnerüberschreitung gelingen schlecht. Der Umgang mit Mengen, Größen, Formen und räumlichen Gebilden, und vor allem der Textinhalt von Sachaufgaben führen oft zum Versagen. Für das Rechnen brauchen sie unverhältnismäßig viel Zeit und haben Schwierigkeiten mit der Uhr, Maßen, Gewichten und Zahlenräumen.

Die häufigsten Sekundärprobleme bei beiden Lernstörungen sind Mangel an Konzentration, Hyperaktivität, Motivationsverlust, Versagens-und Schulangst, soziales Rückzugsverhalten, Aggressivität und psychosomatische Beschwerden. Die negativen Lernergebnisse führen bei den Kindern häufig zu Versagensgefühlen und zum Selbstwertverlust. In der Familie sind Konflikte bei den Hausaufgaben, Spannungen und Vorwürfe wegen schlechter Noten an der Tagesordnung. Das Familienleben leidet unter dem schulischen Misserfolg der Kinder.

Kinderpsychiater einschalten

Wenn Eltern den Verdacht haben, dass ihre Kindern eine Lernstörung haben, können sie diese bei Schulpsychologen, bei Psychologen des AKL (Arbeitskreis Legasthenie Bayern e.V) oder einem Kinderpsychiater testen lassen. Wenn Tests und ein anschließendes Gutachten eine Teilleistungsstörung bestätigen, bekommen die Schüler an der Schule z. B. bei Legasthenie einen Nachteilsausgleich. Dieser wird im Zeugnis vermerkt, kann aber nach erfolgreicher Therapie wieder gestrichen werden. „Dadurch stehen jedem Betroffenen alle Möglichkeiten im Beruf und Studium offen. Keiner muss einem Nachteil befürchten“, wie die Diplompsychologin Heidrun Novak vom AKL Bayern betont.