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„Es geht fast alles online“

Veröffentlicht von Louis Eckerl am

Legasthenie-Therapie in Zeiten von Corona

Die Corona-Pandemie hat das Leben der Schülerinnen und Schüler in den letzten Monaten auf den Kopf gestellt. Wochenlange Schulschließungen und anschließend der tage- oder wochenweise Wechsel zwischen Präsenzunterricht und „Homeschooling“ verlangen nicht nur den Kindern, sondern auch Eltern und Lehrern einiges ab.

Wie aber kommen Kinder, die unter Legasthenie oder Dyskalkulie leiden, mit dieser besonderen Situation zurecht?

Hanna Wieshammer ist Dipl.-Psychologin und arbeitet für den Arbeitskreis Legasthenie Bayern e. V. (AKL) als Legasthenie- und Dyskalkulie-Therapeutin.

Sie hat die Erfahrung gemacht, dass Kinder mit Legasthenie oder Dyskalkulie die Corona-Zeit sogar eher positiv empfunden haben bzw. noch empfinden, „einfach, weil sie nicht gern in die Schule gehen“, berichtet die Psychologin. Durch das Lernen zuhause konnten die Kinder ihren eigenen Rhythmus finden und „es gab keine Vergleiche mehr mit anderen Kindern in der Schule.“

Um auch in der Corona-Zeit die Kinder therapieren zu können, hat Wieshammer sich auf unbekanntes Terrain begeben und Online-Therapiestunden angeboten. Und war sehr positiv überrascht, wie sie sagt, denn „es geht fast alles online“. Sie hat sich eine Klemme mit einem flexiblen Arm für das Tablet besorgt und die Therapiesitzungen mit den Kindern online umgesetzt. So hat sie z. B. Wortlisten mit Silben und Lesetexte per E-Mail an die Eltern geschickt, dieses Material haben die Kinder in der Online-Therapiestunde vor sich und die Therapeutin kann live zuschauen, wie die Kinder z. B. schreiben oder die Texte lesen. Ebenso sind viele Lern- oder Konzentrationsspiele wie zum Beispiel Memory online möglich.

Mit den Eltern hat Wieshammer online Elterngespräche geführt und gemeinsam überlegt, wie die Online-Therapie für die jeweilige Familie funktionieren kann.

Ein Effekt, den die Therapeutin sofort bemerkt hat: Die Kinder waren entspannter und oft sogar konzentrierter bei der Sache.

Wie zum Beispiel der 11-jährige Maximilian: Bei ihm war es oft so, dass er gestresst zur Therapie kam und ausgelaugt war von der Schule, berichtet Wieshammer. „Jetzt sitzt er entspannt vor dem PC, die Katze auf dem Schoß, und kann gut mitarbeiten in der Therapiestunde.“

Die meisten Kinder sind inzwischen so online-affin, dass die Online-Therapie gut funktioniert, meint die Psychologin. Eine Ausnahme bilden nur die ganz jungen Schülerinnen und Schüler, für sie sind Präsenzstunden die bessere Alternative, glaubt Wieshammer. „Von der ersten bis zur dritten Klasse ist mehr Körperlichkeit sinnvoll.“

Eine positive Begleiterscheinung der Online-Therapie ist, dass Therapeutin und Kinder mehr voneinander erfahren: Man bekommt Einblicke in die Familie, wenn z. B. mal ein Geschwisterkind oder ein Haustier durch’s Bild huscht. Und umgekehrt kann auch die Therapeutin den Kindern ihre Umwelt zeigen. Situationen, die sich im „normalen“ Praxisalltag nie ergeben würden. „Das war das Schöne, dass die Situation auch zusammenschweißt“, sagt die Therapeutin. Die Kinder sind oft eifrig dabei und möchten gern mehr von ich zeigen, sei es, indem sie ihre Haustiere mit vor die Kamera bringen oder stolz präsentieren, wie gut das Gitarrespielen mittlerweile klappt. „Einmal“, erinnert sich Wieshammer schmunzelnd, „wollte ein Kind mir seine Bastelarbeit zeigen, lief aus dem Zimmer – und war weg.“ Die Therapeutin musste schließlich die Mutter anrufen und sie informieren: „Das Kind ist weg!“ Es war wohl auf dem Weg zu seiner Bastelei abgelenkt worden. Das war allerdings ein Einzelfall, versichert Wieshammer.

Und wie werden die Therapiestunden in Zukunft stattfinden? Fragt man die Kinder selbst, ist die Tendenz eindeutig: „Die allermeisten wollen gern online weitermachen, gerade die älteren Kinder“, berichtet die Therapeutin. Für sie ein möglicher Weg, spart es doch nicht nur Zeit und Nerven der Eltern, sondern auch der Kinder. Zudem kann Wieshammer so den dörflichen Bereich sehr gut therapeutisch abdecken, ohne dass Eltern ihre Kinder 20, 30 oder noch mehr Kilometer zur Therapie fahren müssen. Eine Präsenzstunde im Monat hält sie dennoch für sinnvoll.

(Text: Julia Hosan)

Kategorien: Allgemein

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