Manch ein Genie hat Legasthenie

Immer mehr Prominente bekennen sich zu ihrer Lese-Rechtschreib-Störung

Was haben Bill Gates, Agatha Christie, Steven Spielberg, Jamie Oliver, Robbie Williams, Keira Knightley und Tommy Hilfiger gemeinsam? Talent, Ruhm und Legasthenie. Auch um Königshäuser macht die Lese-Rechtschreib-Störung keinen Bogen, wie die Prinzessinnen Viktoria aus Schweden und Beatrice aus England offen zugeben. Sogar die Genies Leonardo da Vinci und Albert Einstein sollen unter gravierenden Lese-Rechtschreib-Problemen gelitten haben.

Agatha Christie gab einst zu, sie sei „als ,die Langsame‘ in der Familie betrachtet“ worden. „Schreiben und Buchstabieren waren immer schrecklich schwierig für mich“, betonte sie – Lesen lernte sie bereits vor dem Schuleintritt, doch ihre Rechtschreibung blieb zeitlebens schlecht. Kein Karrierehindernis übrigens in England und Amerika, denn dort bekennen sich viele offen zu ihrer Legasthenie. Viele sehen dyslexia, wie die Lese-Rechtschreib-Störung auf Englisch heißt,sogar als Talent-Signal und kokettieren mit den Problemen, die sie einst in der Schule hatten. “Ich las niemals in der Schule“, meint etwa die Sängerin und Schauspielerin Cher. „Ich bekam richtig schlechte Noten (...). In der zweiten Woche der 11. Klasse brach ich die Schule einfach ab.“ Sie erinnert sich daran, Unterrichtsinhalte fast ausschließlich durch das Hören erfasst zu haben. Stars aus dem angelsächsischen Sprachraum verraten auch gern, wie sie trotz allem sprachlich am Ball blieben. Keira Knightley z. B., die schon als Sechsjährige die Diagnose „Legasthenie“ erhielt, wollte schon mit zehn unbedingt Schauspielerin werden. Sie kämpfte sich von da ab durch Drehbücher und trainiert heute in Drehpausen gern ihre Rechtschreibkenntnisse mit dem Spiel Scrabble.

„Zum Glück schreibt meine Sekretärin“


In Deutschland, Österreich und der Schweiz trauen sich bislang nur wenige, preiszugeben, dass sie als Kind Legasthenie hatten oder sie noch haben. Die Autorin und Schauspielerin Marie Theres Kroetz-Relin, der Manager Ferdinand Piëch und der Professor Tiemo Grimm gehören dazu. Nichtbetroffene bringen Legasthenie fälschlicherweise noch zu oft mit Dummheit oder Faulheit in Verbindung – gibt ein Schulabgänger offen zu, die Lese-Rechtschreib-Störung zu haben, findet er nur schwerlich eine Lehrstelle. Dabei wissen Insider, dass es in den Chefetagen auch hier viele Legastheniker gibt: „Die sagen dann: Zum Glück habe ich eine gute Sekretärin“, weiß Dr. Edith Klasen, Diplom-Psychologin aus München. Dr. Klasen, die 30 Jahre lang für den AKL-Bayern betroffene Kinder und ihre Familien unterstützte und für ihr Engagement 2009 das Bundesverdienstkreuz erhielt, weiß: „Auch heute noch muss man vielen erst mal sagen, dass Legastheniker normal bis überdurchschnittlich intelligent sind. Dass sie viele Talente haben.“

Statistisch gesehen, sitzt in jeder Schulklasse ein Legastheniker. Nicht jeder wird einen Grammy ersingen, einen Oscar gewinnen oder ein Unternehmen gründen. Doch dass jedes Kind seinen Weg in Schule und Beruf mit Selbstbewusstsein gehen kann, dafür machen der AKL-Bayern, seine Therapeuten und immer mehr Lehrer und Eltern sich stark. Vielleicht häufen sich also auch im deutschen Sprachraum bald Mutmach-Worte wie jene der Legasthenikerin Erin Brockovich. Wie sie von der formal wenig gebildeten, zudem alleinerziehenden Bürogehilfin zur Top-Assistentin eines Staranwalts wurde, verkörperte Julia Roberts im Kinofilm, der ihren Namen trägt. „Das Leben ist voller Herausforderungen“, findet Brockovich. „Wie du diese Herausforderungen meisterst, formt deinen Charakter. Hab niemals Angst, der zu sein, der du bist.“

*Alle Zitate sind Übersetzungen aus dem Englischen. Die Originale – und viele Zitate berühmter Legastheniker mehr – finden sich im Internet unter http://www.dyslexiclikeme.org/about-dyslexia/r/http://www.dyslexiclikeme.org/about-dyslexia/r/_GoBack

Pauken in den Ferien? Ferien müssen Ferien bleiben

Experten raten: erst auftanken, dann in Maßen und mit Spaß üben

Kinder mit Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Störung) und Dyskalkulie (Rechenstörung) und ihre Eltern beginnen Ferien oft angespannt und unsicher. Vor allem, wenn Vieren und Fünfen im Zeugnis stehen, fragen sich Familien: Muss nun jeden Tag geübt werden? Und was genau?

Expertinnen vom Arbeitskreis Legasthenie Bayern e.V. (AKL-Bayern) raten dazu, sich erst mal über das Erreichte und den Ferienstart zu freuen und zunächst eine Pause einzulegen. So gibt die Münchner Diplom-Psychologin Heidrun Novak zu bedenken: ,,Je mehr Druck die Kinder vor den Ferien hatten, desto wichtiger ist es, dass sie nun unbeschwert sein dürfen’'. In den Sommerferien gilt: Hobbys, Reisen, Zeit mit Freunden schenken ihnen Kraft, die sie fürs neue Schuljahr brauchen. „Falls Kinder von sich aus üben möchten, sind die letzten zwei Wochen vor Schulbeginn dafür am besten geeignet“, weiß Novak.

Maßgeschneiderte Lern-Empfehlungen


Wer beim AKL-Bayern eine Therapie macht, kann sich vor Ferienbeginn bei seinem Therapeuten maßgeschneiderte Lern-Empfehlungen abholen. Von den vielen Lern-Programmen, -Büchern und -Spielen, die jetzt im Handel angeboten werden, raten die Experten ab. „Einige Angebote sind so aufgebaut, dass sich die Kinder unter Druck gesetzt vorkommen“, hat Heidrun Novak beobachtet. „Der Schuss kann sogar nach hinten losgehen, wenn ein Kind sich dadurch falsche Lernstrategien aneignet.“

Sinnvoll ist Ferien-Training mit Spielen wie Halli-Galli, Kniffel oder Uno für mathematisches Verständnis und Scrabble fürs Buchstabieren. Spiele, die die Konzentration fördern, wie „Ich packe meinen Koffer“ oder Memory, tun auch manchem Elternteil gut. Bei Dyskalkulie hat sich außerdem bewährt, wenn Kinder das Einmaleins mit Karteikarten wiederholen – in kleinen Portionen, versteht sich. Legastheniker können zehn Minuten täglich mit einer Lernkartei häufige Fehlerwörter üben.

Lesen und Vorlesen

„Lassen Sie Ihre Kinder den Lesestoff selbst aussuchen“, empfiehlt Heidrun Novak. Wenn auch Bilderbücher, Witzesammlungen oder Comics mit wenig Text erlaubt sind, ist die Hürde zum Schmökern viel kleiner und die Buben und Mädchen verbinden das Lesen mit etwas Positivem. Die Regensburger Diplompsychologin Alice Rudolf ergänzt: ,,Ich bitte Eltern, Kindern viel vorzulesen – für die Entwicklung von Sprachgefühl, Wortschatz und Satzbau ist das von entscheidender Bedeutung.’’ Und: Mama, Papa und Kind lesen schwierige Textpassagen abwechselnd. Dem Kind schenkt das Sprachsicherheit, Kind und Eltern Gemeinsamkeit und Entspannung.

Auch wichtig: Keine Panik vor dem neuen Schuljahr! Experten des AKL-Bayern berichten: „Kinder machen in diesen sechs Wochen oft einen Reifeschub. Und was sie in der Ferienzeit vergessen, wird im neuen Schuljahr schnell wieder aufgebaut.“  Wer ausgeruht, optimistisch und mit liebevoller Begleitung durch Eltern, Therapeuten und Lehrer ins neue Schuljahr startet, hat gute Chancen auf einen erfolgreichen neuen Anfang.

Legasthenie und Fremdsprachen

Für Kinder, die unter einer Lese-Rechtschreibschwäche oder unter Legasthenie leiden, ist das Erlernen einer Fremdsprache in aller Regel eine große Herausforderung.

Hier stellt sich für Eltern zunächst die Frage der Auswahl der weiterführenden Schule. Im Gymnasium lernen deutsche Schüler im ersten Jahr Englisch 950 Vokabeln. Das ist eigentlich zu viel. Auch für Nicht-Legastheniker! Grundsätzlich sind bei entsprechender Begabung mathematisch-naturwissenschaftliche Zweige meistens vorteilhafter.

Jede Fremdsprache stellt andere Anforderungen an die legasthenen Kinder. Im Englischen wie im Französischen ist die Zuordnung von Lauten und Buchstaben sehr unregelmäßig, im Französischen kommt hinzu, dass viele ähnlich klingende Laute von den Kindern nicht unterschieden werden können.

Aber auch Latein hat seine Tücken, denn Wörter müssen sehr exakt gelesen und verstanden werden, da sich durch wenige Buchstaben oftmals die Bedeutung entscheidend verändert.

Was tun? Trotz alledem wollen wir alle Eltern ermutigen, das Thema positiv anzugehen. Auch legasthene Kinder können Freude an einer Fremdsprache entwickeln. Sie benötigen jedoch intensive Unterstützung, Lehrmethoden, die die Legasthenie berücksichtigen und am besten eine individuelle therapeutische Förderung.

Einige Hinweise und Tipps, die Eltern selbst umsetzen können:

  • Versuchen Sie eine Beziehung zur Sprache aufzubauen, suchen Sie zum Üben Themen, die das Kind interessieren könnten, finden Sie Bilder dazu, machen Sie Inhalte damit lebendig und erfahrbar.

  • Deutliche große Druckschrift ist zum Vokabellernen besser, als das handgeschriebene Vokabelheft.

  • Vokabeln lesen, schreiben, sprechen und hören.

  • Wiederholen! Ein System entwickeln: Wörter die nicht behalten wurden, jeden Tag wiederholen, sobald es gewusst wurde jeden 2., jeden 4., jeden 8. Tag. Das geht am besten mit einem Lernkarteikasten.

  • Erklärungen neuer Vokabeln oder der Grammatik immer in Deutsch.

  • Den Aufbau des Schulbuchs erklären: wo finde ich was, Wortschatz hinten etc., Lesezeichen an wichtigen Stellen setzen. Legastheniker haben Schwierigkeiten Textstellen schnell zu erkennen und zu finden.

  • Texte zuerst wörtlich übersetzen, erst im zweiten Schritt mit der korrekten deutschen Wortstellung.

  • Mit Leichtem und Konkretem anfangen und viel loben! Loben - auch wenn ein Wort zwar falsch geschrieben, aber gewusst wurde. Erfolg ist die beste Motivation!