Lerne lieber ungewöhnlich

Lerne lieber ungewöhnlich:

Dipl.-Psych. Renate Sieber, Legasthenie- und Dyskalkulie-Therapeutin, im Interview

Was hat Meister Yoda mit Mathe- und Deutschlernen zu tun? Kann man Diktate auch anders üben als im Sitzen? Antworten gibt es bei Diplom-Psychologin Renate Sieber aus dem Münchner Westend. Seit 2005 ist sie für den Arbeitskreis Legasthenie Bayern e. V. im Einsatz,  hat an der Montessorischule Biberkor (LK Starnberg) und in Münchner Schulen feste Therapiestunden, bildet regelmäßig Eltern und Lehrer fort – und will das alles noch sehr lange tun. Ein Interview.

Frau Sieber, wie kamen Sie eigentlich zu Ihrem Beruf?

Psychologie studieren wollte ich schon immer. Doch ich hatte kein Abitur, so ging ich zunächst einer anderen Neigung nach und wurde Grafikdesignerin. Zehn Jahre fertigte ich für Archäologen wissenschaftliche Zeichnungen an. Das war eine schöne, oft aufregende Zeit, doch dann trieb es mich zu neuen Herausforderungen: Ich holte nebenberuflich mein Abitur nach, anschließend studierte ich. Im Studium ist mir das Thema Legasthenie immer wieder begegnet. Nach einem Praktikum bei einer Legasthenie-Therapeutin wusste ich: Das will auch ich machen! Gerade, weil ich selbst so viel Freude daran habe, mit Sprache umzugehen.

Kindern mit Legasthenie geht das aber oft anders …

… anfangs schon. Tatsächlich sind die Kinder erst mal blockiert. Den Kindern mit Dyskalkulie geht es mit Mathe genauso. Das zieht sich quer durch alle Schultypen: In der Montessorischule wird sehr wertschätzend mit den Schülern gearbeitet, doch viele waren vorher woanders und sind dort an Mathe oder Deutsch gescheitert. (Was nicht heißt, dass es nicht auch an Regelschulen zugewandte und verständnisvolle Lehrerinnen gibt!)  Bei allen Kindern ist mein Goldstandard: Ich will das Vergnügen, das ich beim Umgang mit Sprache und Mathematik empfinde, auch in ihnen wecken.

Wie zum Beispiel?

Viele der Kinder sind tolle Sportler. Warum also nicht in der Therapie mit dem Ball arbeiten, Hüpf- oder Schleichdiktate machen? Von einem Mädchen habe ich mir den Handstand beibringen lassen, den konnte sie, ich aber nicht (lacht) – das war gut für ihr Selbstbewusstsein. Mit einem Jungen habe ich ganz viel mit Geschichten aus Star Wars gearbeitet – mir zu merken, wer da wer ist, fiel mir schwer, ihm nicht. Brett- und Computerspiele setze ich auch sehr gern ein, und mein Materialfundus wächst ständig.

Was mögen Sie am meisten an Ihrer Arbeit?

Dass kein Tag wie der andere ist! Und die Kinder, die zu mir kommen. Ich liebe es, an ihrer Entwicklung beteiligt zu sein und meinen Teil dazu beizutragen, dass es ihnen besser geht. Ich erlebe wirklich oft, dass sie Erfolg haben, in Mathe oder Deutsch deutlich aufholen und gute Schulabschlüsse schaffen. Eines meiner Vorbilder ist übrigens die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich, die bis kurz vor 93 als Therapeutin gearbeitet hat – so möchte ich das auch mal handhaben (lacht).